|
von Kalidasa I. Der Sommer - Grishma-Ritu: Das beherrschende Thema des ganzen Kapitels bildet die sengende Hitze und ihre Wirkung auf Mensch und Tier. Zuerst die jungen Liebenden: Sie geniessen die kühlen Nächte in Mondschein auf den Terassen der Paläste. Die jungen Frauen entfachen mit mancherlei Mitteln die in der Tageshitze erlahmte Liebeslust der Männer. In Gegensatz zu diesen leiden die Reisenden und ihre Frauen unter der Qual der Trennung. Dann wendet sich das Gedicht der Tierwelt zu: Von unerbittlichem Durst gequält, vergessen sie ihre Feind-schaft. Das stärkere frisst das schwächere nicht mehr, und dieses fürchtet jenes nicht mehr. Das Kapitel endet mit dem Bild der, Waldbrände. Beispiel: Vers I.3 Priyaamukhoocchavaasavikampitam madhu Sutantrigiitam madanatsya diipanam shuchau nishiithe anubhavanti kaaminaha In den Sommernächten geniessen die Liebhaber die schönen, wohlriechenden Terrasen der Paläste, wo der Atem der Geliebten den Wein erzittern lässt und der süsse Gesang, von der Laute beglietet, die Liebeslust entfacht. II. Die Regenzeit - Varsha-Ritu: Der Donner rollt, die Blitze zucken. Dunkle Gewitterwolken hängen schwer über der Landschaft, entlassen den ersehnten Regen. Die Flüsse, schlammig und wild, reissen an den Ufern die Bäume um und stürzen dem Ozean zu. Die Pfauen, von der Hitze erlöst, tanzen freudetrunken. Die Wälder begrünen sich neu. Mit ihren Leben er-wecken sie die Sehnsucht der Menschen. Bei Blitz und Donner eilen die Frauen zu ihren Liebhabern. Traurig aber sind die Frauen der reisenden. Diese ihrerseits werden von den Wolken und schönen Frauen gefesselt. Die glücklichen Frauen schmücken sich mit Blumen und parfümieren sich. So treten sie ins Schlafzimmer und erwarten ihre Geliebten. Die einsamen, durch die Trennung unglücklichen Frauen geben sich ganz den, Anblick der Wolken hin. Wie ein Lieb-haber schmückt die Regenzeit die Frauen mit Blüten Am Ende lassen sich die schweren Wolken auf dem Vindhyagebirge nie-der und überschütten es mit ihren Wassergüssen. Beispiel: Vers II. 12 Nishiktavimbaadharachaarupallavaaha Nirastamaalyaabharanaanulepanaaha Sthithaa niraashaaha pramadaa pravaasinaam Die Frauen der Reisenden haben Kränze und Schmuck abgelegt, die Salben weggelassen. Die bimbagleiche liebliche Blüte ihrer Unterlippe benetzen die Tränen aus ihren Lotusaugen.
|